Dienstag, 9. August 2016

Kathedrale - Raymond Carver

Dieses Buch stand schon so lange auf meiner Wunschliste und endlich kam die Zeit, es zu lesen. 




In "Kathedrale" verbinden sich 12 Kurzgeschichten zu einer Realität. Es ist die Realität der Menschen, ganz schlichte, normale Menschen, wie man sie überall antreffen kann, auch im eigenen Spiegelbild. Das Wenige, das sie vom Leben erwarten, müssen sie meist täglich noch erkämpfen. Ein Verlust bleibt bei Carver ein Verlust, der zu erdulden ist und oft ist ein Lichtblick nur ein verglimmender Stern am Firmament. 

Carver schreibt in eindringlich unkomplizierter Sprache und rahmt seine Geschichten über die Schicksale einfacher Menschen so authentisch und stilsicher ein. Kein Wort zuviel, nie geschwätzig. Carver nimmt seine Figuren so ernst, dass er sich selbst zurücknimmt. Immer wieder Figuren am Rand ihrer Existenz, am Rand des Lebens, am Rande von Irgendetwas. Berührend, sehr nah an den Protagonisten, mit viel Empathie und Potential zur Identifikation. Alle Geschichten enden spontan, weil es keinen Ausweg oder gar ein Happy Ending geben wird. 




Häufig geht es um das Verhältnis geschiedener Eltern zu ihren Kindern. Oder um das Gefangensein im Korsett einer erstarrten Ehebeziehung. In „Konservierung“ beginnt eine Frau gleichzeitig zwei Dinge zu ahnen: erstens, dass sie sich von ihrem Mann trennen muss, der sich resigniert, ohne jeglichen Impuls auf ein arbeitsloses Leben auf dem Sofa vor dem Fernseher einrichtet und zweitens: dass sie es niemals schaffen wird. Dieser kurze und eindringliche Moment einer ersten Ahnung, lässt sie erstarren, ohne dass sie sich der Tragweite des Augenblicks bewusst wäre. Nur in der Distanz des Lesers ist sie spürbar, fühlbar, durchschaubar. Das ist das Dramatische: Die Lähmung des Alltags, die Gefangenheit in der aussichtslosen Situation des eigenen Seins nimmt nur der Andere wahr. Wie so oft im Leben. 

Wer die Realität wahrnehmen will, sollte Carver auf dem Plan haben.

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