Montag, 25. Juli 2016

Der Garten der Qualen - Octave Mirbeau

Incipit.

"Mehrere Freunde waren eines Abends im Hause eines unserer berühmtesten Schriftsteller vereint. Nachdem sie ein köstliches Diner genommen hatten, stritten sie über das Thema des Mordes, ich weiß nicht aus welchem Anlass, wahrscheinlich ohne jeden Grund. Es waren alles Männer; Moralisten, Dichter, Philosophen, Ärzte, kurz ausnahmslos Leute, die sich frei aussprechen durften, wie es ihnen ihre Phantasie, ihr Tollpunkt oder ihr Widerspruchsgeist eingab, ohne befürchten zu brauchen, dass sie plötzlich jenes Entsetzen und Verblüfft sein zu sehen bekämen, das schon der geringste, ein wenig gewagte Gedanke auf dem bestürzten Gesicht eines Notars malt. - Ich sage Notar, wie ich Advokat oder Portier sagen könnte, durchaus nicht in verächtlichem Sinne, sondern um die mittlere Norm des französischen Denkvermögens anzuführen."




Der Garten der Qualen von Octave Mirbeau, 1899 in Frankreich veröffentlicht, ist ein Roman, der sich für seinen Stil und Atmosphären zwischen Naturalismus und Dekadentismus befindet. 

Das Buch teilt sich in drei Teile. In dem Ersten, "Einleitung", unterhalten sich die Intellektuellen zynisch über den Mord. Die Diskussion fängt mit der Argumentation von einem darwinistischen Wissenschaftler an:

"Wenn es keinen Mord mehr gäbe, würden auch keinerlei Regierungen mehr bestehen, infolge der bewunderungswürdigen Tatsache, dass das Verbrechen im Allgemeinen, der Mord im besondern, nicht nur für sie eine Entschuldigung, sondern sogar ihre alleinige Daseinsberechtigung vorstellt ... Wir würden sonst in vollster Anarchie leben, in einem Zustande, den man sich gar nicht vorstellen kann ... Infolge dessen ist es unerlässlich, weit davon entfernt den Mord zu vernichten, ich sage, es ist unerlässlich ihn mit Verständnis und Ausdauer zu pflegen ... und ich kenne kein besseres Kulturmittel als Gesetze."


Ein mysteriöser Mann "mit dem verstörten Gesicht" wechselt das Thema und diskutiert jetzt über Frauen und die Notwendigkeit ihrer angeblichen Unschuld, zu dementieren, um auf ihre Neigung, auf böse Jungs zu stehen, hinzuweisen. Seiner Meinung nach kann man es folgendermaßen erklären:

"Der Mord wird aus der Liebe geboren und die Liebe erhält ihre höchste Spannkraft durch den Mord... Es ist dies die gleiche physiologische Erregtheit... Es sind die gleichen erstickenden Geberden, die gleichen Bisse ... Und häufig fallen dabei auch die gleichen Worte in der identischen Verzückung."

Der zweite und dritte Teil, "Die Forschungsreise" und "Der Garten der Qualen", sind die Ich-Erzählung von dem Mann "mit dem verstörten Gesicht" über das Unheil, das ihn dazu gebracht hat, eine Frau kennenzulernen, die zwischen Entsetzlichkeiten seufzt. Der Protagonist erzählt seinen Erfolg bis zur Niederlage in der Politik, dank seiner zynischen und pragmatischen Auffassung von Staatsaffären.

In Ungnade gefallen, akzeptiert er, an einer wissenschaftlichen Mission in Ceylon teilzunehmen, um seine Spuren für eine Weile zu verwischen. Während der Reise in den Osten lernt er eine englische Frau kennen, Clara, die sich als hysterisch und sadistisch entpuppt. Er ist sofort verliebt und entschließt sich, ihr durch den Garten der Qualen, die Strafkolonie in Canton (China), zu folgen.

Zwischen den beiden herrscht eine perverse Beziehung, in der er das Opfer ist und sie der Täter. Die Voraussetzung für ihre Liebe ist: "Wer vom Tode spricht, spricht auch von der Liebe!"

Die Liebe wird als Sklaverei und Abstieg in die Hölle beschrieben. Der Protagonist merkt den Verlust seiner Identität und gibt seine Unterwerfung zu. Clara hat eine zerstörende Wirkung auf ihn und zieht ihn zunehmend in Vereinsamung und Desorientierung hinein.

"Ich war ihr Sklave, ich begehrte nur sie, ich wollte nur sie haben. Außer ihr und über ihr gab es nichts für mich. Ihr Besitz entfachte täglich die Flammen immer wilder, anstatt die Brandstätte dieser Liebe auszulöschen. Jedesmal stieg ich tiefer in den Abgrund ihrer Gelüste und täglich fühlte ich mehr, dass ich mein ganzes Leben dazu verwenden würde den Grund zu suchen und zu berühren!"

Die moralische Erniedrigung dieser Beziehung wird als unvermeidbare Strafe erlebt.

Clara begleitet den Protagonisten durch die Hölle, zwischen Mord und Perversion. Die Gewalt wirkt auf sie wie eine Droge.

"Ihr seid gezwungen äußerliche Achtung Leuten und Einrichtungen zu bezeugen, die Ihr absurd findet ... Ihr bleibt feige an moralischen und sozialen Konvenienzen hängen, die Ihr verachtet und verdammt, denen, wie Ihr wohl wisst, jegliche Begründung fehlt ... Dieser ständige Widerspruch zwischen Euren Gedanken, Euren Gelüsten und all den toten Formen, all den eitlen Schauspielen. Eurer Zivilisation macht Euch traurig, verwirrt und stört Euer seelisches Gleichgewicht ... In diesem unerträglichen Konflikte verliert Ihr jegliche Lebensfreude, jegliches persönliche Gefühl ... weil in jedem Augenblick das freie Spiel Eurer Kräfte unterdrückt, behindert niedergehalten wird ... Da ist die vergiftete tödliche Wunde der zivilisierten Welt."




"Die Tore des Lebens öffnen sich nur dem Tode, sie öffnen sich stets nur über den Palästen und den Gärten des Todes ... Und das Weltall erscheint mir wie ein ungeheurer, wie ein unerbittlicher Garten der Qualen ... Überall fließt Blut und da wo es viel Leben gibt, zerreißen fürchterliche Quälgeister die Leiber, zersägen die Knochen und ziehen einem die Haut ab, während ihre Gesichter vor Freude verfinstert sind ..."

In dem Garten der Qualen ist die Natur wunderschön und gleichzeitig unheimlich.

Die Pflanzen essen Leichen, die Menschen erleben grausame Qualen, von den Clara, mit eiskalter und erstaunter Stimme, minuziöse Beschreibungen macht. Aber der Garten stellt auch die Realität dar:

"Ach ja! Der Garten der Qualen! ... Die Leidenschaften, der Appetit, die Interessen, der Hass, die Lüge und die Gesetze und die sozialen Einrichtungen und die Gerechtigkeit, die Liebe, der Ruhm, das Heldentum, die Religionen sind die scheußlichen Blumen und grässlichen Werkzeuge des ewigen Menschensleidens in diesem Garten ... Was ich heute gesehen, was ich gehört habe, lebt und schreit und jammert auch jenseits dieses Gartens, der für mich nur noch ein Symbol ist, auf dem ganzen Erdball ... Vergebens suche ich einen Einhalt im Verbrechen, eine Ruhestätte im Tode, ich finde dies nirgends.

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