Sonntag, 10. Juli 2016

Das Haus - Mark Z. Danielewski

Das Haus /House of Leaves

MARK Z. DANIELEWSKI


Und falls Sie irgendwann einmal zufällig an diesem Haus vorbeikommen sollten, bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie auch nicht langsamer, sondern gehen Sie einfach weiter. Da ist nichts. Seien Sie vorsichtig...”


Die gehemnissvolle Seite 666

Die Seite 666 ist kein absichtlicher satanistischer Verweis, in der englischen Paperback-Ausgabe ist es die Seite 564). In der Danksagung der Übersetzerin steht geschrieben: „Last, but not least Dank an Philippe Dumas (Sierentz), Usiel Kandjii (Windhoek) und Dag Henrichsen (Basel) für die Übersetzung der geheimnisvollen Seite 666 ins Otjiherero.“

In dieser Seite geht es um einen Text von Zampanó. In dem amerikanischen Original ist diese Seite auf Französisch geschrieben, aber in der französischen Übersetzung auf Vietnamesisch!




Das Blatt

„Es war Herbst. Es war Herbst und die Zeit des Krieges. Erinnerst du dich an den Krieg? Ich immer weniger. Aber ich erinnere mich an den Herbst. Ich sehe immer noch die Nebel über den Wiesen am Haus, und jenseits die stummen Eichen im der Dämmerung. Seit dem September waren die Blätter gefallen. Sie wurden braun und riefen dann in mir den Geist meiner Jugend wach, und auch den Geist der Zeit.

Oft ging ich zum Wald. Ich schritt über die Wiesen und ich verlor mich lange unter den Zweigen, in den Schatten, zwischen dem Laub. Einmal, bevor ich den Wald betrat, so erinnere ich mich, gab es da ein schwarzes Pferd, das mich aus der Ferne anstarrte. Es befand sich am Ende des kleinen Feldes. Ich malte mir aus, dass es mich betrachtete, während es wahrscheinlich schlief. Warum denke ich jetzt an dieses Pferd? Ich weiß es nicht. Vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem ich an all diese Worte denke, die ich zur selben Zeit aufgeschrieben habe.

Ich bewahrte das Blatt auf, auf dem ich all das notiert hatte, was mir in den Sinn gekommen war. Zu der Zeit glaubte ich, dass das alles zu mir gehörte, aber nun weiß ich, dass ich Unrecht hatte. Jedes Mal, wenn ich es wieder lese, sehe ich, dass ich nur etwas kopiert habe, das jemand mir erzählt hat.

- Hab keine Angst. Ich höre nicht auf. Ich muss diese Lichtung entdecken. Und ich höre nicht auf, solange ich sie nicht gefunden habe. Weißt Du, was mich treibt, sie zu suchen? Nun... niemand. Meine Frau ist tot. Meine Frau, meine Tochter und mein Sohn sind alle tot. Und du, erinnerst du dich, wie sie gestorben sind? Ich immer weniger. Ich erinnere mich nur an die Zeit. Meine Verwundungen sind nicht mehr tödlich, aber ich habe Angst. Ich habe Angst, diese Lichtung nicht mehr zu finden.

Ich verharrte eine Weile, um die Schatten, die Blätter und die Zweige zu betrachten. Dann, als ich den Wald verließ, sah ich nur den Nebel um mich. Ich konnte weder Das Haus noch die Wiesen sehen, lediglich den Nebel. Und natürlich war das schwarze Pferd verschwunden.“


Das Pferd

“Auf einem Feld, jenseits der Lichtung, der Bäume, steht das letzte Pferd, silbrig grau gescheckt, kaum mehr als eine Versammlung von Schatten. Die heidnischen Germanen, die hier lebten, brachten bei ihren alten Zeremonien Pferde als Opfertiere dar. Später wandelte sich die Rolle des Pferdes zum Diener der Macht. Damals arbeiteten große Veränderungen an der Heide, kneteten und wendeten sie, störten sie auf mit den Fingern, stark wie der Wind.

Jetzt, da das Opfern zu einem politischen Akt geworden ist, zu einem Akt des Caesars, kümmert sich das letzte Pferd nur darum, wie sich der Wind an diesem Nachmittag erhebt: aufflackert erst, Halt zu gewinnen, zu greifen versucht, doch wieder absackt . . . jedes Mal spürt das Pferd ein ähnliches Aufflackern in seinem Herzen, an den Säumen seines Auges, seines Gehörs, seines Gehirns . . . endlich, als der Wind sicher fasst, als eine Wende gekommen ist in diesem Tag, erhebt sich sein Kopf, und ein Schauder überläuft's – ergreift von ihm Besitz, Sein Schwanz peitscht das klare, nachgiebige Fleisch des Windes. Im Wald beginnt das Opfer.”

Quelle: Thomas Pynchon - "Die Enden der Parabel"


In dem Haus wird das Wort "pieces" mit "pisces" verwechselt. PISCES ist in Gravity's Rainbow eine Einheit der Psychologischen Kriegsführung und ist ein Akronym für "Psychological Intelligence Schemes for Expediting Surrender", an anderer Stelle auch für "Proceedings of the International Society of Confessors to an Enthusiasm for Albatross Nosology". Über den Albatros wird in Fußnote 180 geschrieben, wo Coleridges Der Alte Seemann zitiert wird (S. 182) (es erinnernt an E. A. Poes Erzählung des Arthur Gordon Pym).

Der Albatros ist für Navidson wie das Mädchen auf dem Foto, womit er den Pulitzer-Preis gewann. Auch in Gravity’s Rainbow hat der Albatros eine verborgene psychische Qualität und ist am Ende ganz über der Zone zerstreut, mit herausgerissenen Federn (also wieder "torn to pieces/pisces").

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